Über die Last des Reisens und die Frage wer überhaupt erst reisen darf

Neulich habe ich den Leitartikel im Gesellschaftsteil der Süddeutschen Zeitung gelesen. In dem Artikel beschreibt der Autor Sebastian Schoepp, dass Reisen einst „ein Privileg weniger war“ heute allerdings von vielen als eine Last empfunden wird. Interessant dachte ich mir und weil ich mich in letzter Zeit häufiger mit der Frage auseinandergesetzt habe, wer überhaupt auf dieser Welt verreisen kann und darf habe ich weitergelesen. Schon nach den ersten Zeilen ist mir die Lust vergangen.

ALLE WELT IST UNTERWEGS

Der Autor schreibt darüber, dass Billigflieger und Skype die globale Mobilität und Kontakt zu halten erleichtern. Die Welt sei in Bewegung wie nie zuvor. Die Pflicht ständig unterwegs zu sein, meint der Autor, führe tatsächlich schon so weit, dass wir uns allen ernstes fragen müssten, ob wir den Urlaubstrip wirklich zum Schnorcheln ans Rote Meer planen, wo wir doch beruflich dauernd nach Asien fliegen. Schließlich, fragt er, ob wir es mit der Mobilität nicht übertrieben hätten? Meine Frage: Wer ist eigentlich wir?

DAS PRIVILEG ZU REISEN

Natürlich ist diese Frage rhetorisch und alle, die sich auch nur ansatzweise mit der aktuellen Visavergabepraxis der EU beschäftigen wissen, dass das Privileg zu Reisen eine Minderheit betrifft. Dass sich dieses wir von dem der Autor spricht auf eine kleine Minderheit im Globalen Norden bezieht ist offensichtlich. Dass außerdem die überwiegende Mehrheit in ihrem Leben nie ein Flugzeug betreten wird, haben erst kürzlich wieder die Zahlen über abgelehnte Visa in Deutschland bestätigt.

ABGELEHNTE VISA FÜR DEUTSCHLAND

Die Partei die Linke fordert jedes Jahr in einer kleinen Anfrage die Bundesregierung auf, Zahlen zu veröffentlichen, die ausführlich darlegen, wie viele Visa pro Jahr und Land abgelehnt werden. Die Zahlen für das Jahr 2014 haben wir hier zusammengefasst und analysiert. Während damals die Ablehnungsquote für weltweit gestellte Visa bei 5,73% lag, ist sie im Jahr 2016 auf 6,7% angestiegen. Diese Zahl ist allerdings nicht besonders interessant, weil sie noch nichts über die Verteilung der abgelehnten Visa aussagt. Bei genauerem hinschauen wird deutlich, dass Menschen aus Ländern des globalen Südens besonders häufig von Visa-Ablehnungen betroffen sind und die Ablehnungsquoten hier bei um die 30% – 40% liegen. Beispielsweise wird jedes dritte Visum aus Ghana abgelehnt! Darunter fallen noch nicht die Fälle von Menschen, die es gar nicht erst probieren, weil sie ihre Chance auf Bewilligung bei Null sehen. Die aktuellen Zahlen geben ein detailliertes Bild davon, wer das Privileg zu Reisen genießt und wem es verwehrt bleibt. Die Herkunft entscheidet darüber, wer ein Visum für Deutschland mit Chancen auf Bewilligung beantragen kann und wer nicht.

DES EINEN LAST DES ANDERN UNMÖGLICHKEIT

Kommen wir zurück zum Eingangs erwähnten Zeitungsartikel. Natürlich hat der Autor Recht, indem er feststellt, dass für manche die ständige Pflicht zu Fliegen aus beruflichen Gründen zu einer Last werden kann. Allerdings handelt es sich dabei um einen verschwindend geringen Teil der Weltbevölkerung und die These des Autors zeugt vom eurozentrischen Blick. Das Narrativ das besagt, dass das grenzenlose Reisen für alle möglich ist – Germanwings machts möglich – ist die dominante Erzählweise und schließt die Mehrheit aus. Diese Erzählung hat sich in unseren Köpfen – und mit uns meine ich die Wohlstandskinder in Europa – eingebrannt. So hat mich zum Beispiel mein Cousin, nachdem er sich länger mit einem Menschen aus Tansania unterhalten hatte, verwundert gefragt: „ Sag mal wusstest du, dass viele Menschen schikanierende Visainterviews durchführen müssen, wenn sie ein Visum für Deutschland beantragen?“ Zeit, dass wir darüber sprechen!